Viser innlegg med etiketten Vorurteile. Vis alle innlegg
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torsdag 15. januar 2015

Früher war mehr Lametta

Es ist Heiligmorgen. Der Weihnachtsbaum der Familie H. ist schon seit einer Woche geschmückt, die Würstchen liegen im Kühlschrank und die Plätzchen in der Keksdose. Ravna sitzt nach ihrer Mini-Besuchstour durch Deutschland und Österreich (über die an anderer Stelle berichtet werden soll sie bisher aus Faulheit nichts geschrieben hat) im Schlafanzug und ohne Brille am Küchentisch und schlabbert Schokoladenmüsli. Sie könnte einen Kaffee vertragen, aber ihre Eltern haben seit Ravnas Auszug ihre linksökologische, irgendwie niedliche Spießigkeit zu neuen Höhen getrieben, und sich eine Kaffeemühle gekauft, deren Bedienung ihr ein Rätsel ist.
Pünktlich vor dem Mittagessen kommen die Großeltern, und dann machen wir es uns gemütlich. Ravna hat vor lauter Eifer beim Abwaschen die zusätzliche Brühe für die Mittagssuppe im Abfluss verschwinden lassen, daher gibt es Nudelbrei mit Möhren und Hühnerfleisch, und Oma hat einen Obstsalat mit Quarkkrem aus dem Land der beigen Rentner mitgebracht, der unter anderem dezemberfrische Himbeeren enthält. Wir essen sonst nie Kompott, sagt Mama. Aber es ist ja Weihnachten, sagt Ravna. Und gemütlich. Ravnas Papa hat einen Auftrag als Weihnachtsmann, die Großeltern sitzen im Wohnzimmer, und weil man bei Familie H. selbst bei Gesprächen übers Wetter an Weihnachten irgendwann einer Armee von Fettnäpfchen gegenübersteht, geht Ravna in ihr Zimmer. Und wischt und saugt nach anderthalb Jahren endlich einmal wieder ordentlich Staub. Hatschie! So sauber war es im Wäschezimmer ihrer Eltern sicher seit langem nicht mehr.
Die Großeltern sitzen im Wohnzimmer unterm Weihnachtsbaum (Same tree as every year: unten zu buschig, oben zu kahl und rundherum viele Kringel. Und nur rote Kugeln!), Mama schmeißt eine Weinflasche runter, irgendwann gibt es Würstchen mit selbstgemachtem Kartoffelsalat aus selbstgekauftem Fleischsalat (oder salladdd, wie man im Land der beigen Rentner sagt) und dann eine Schöne Bescherung. Ravna verschenkt schon seit Jahren selbstgeklebte Fotokalender und seit ebenso vielen Jahren liegen auf ihrem Bunten Teller Lebkuchen und Dominosteine, von denen sie nach drei Monaten Adventszeit doch nun wirklich genug hat. Die entfernte Verwandtschaft und Bekanntschaft beschenkt die außerhalb der EU-Grenzen lebende Studentin mit allerlei Euroscheinen in verschiedenen Farben und dann ist Heiligabend auch schon fast wieder vorbei. Früher war irgendwie mehr Lametta.
Am nächsten Tag kocht Papa Ente, wir machen einen Familienausflug und besuchen eine Wikingerausstellung, die Quarkkrem mit Obstsalat wird alle und Oma ist froh, dass es zumindest YFU gibt, da trifft Ravna in Norwegen ja wenigstens mal ein paar Leute.
Da sie ja in den Vorlesungen, beim Tanzen und auf Arbeit nie einer Menschenseele begegnet, ist das wirklich ein Glück.
Am zweiten Weihnachtsfeiertag fahren die Großeltern zurück zu den beigen Rentnern und die Familie H. auf die Halbinsel Eiderstedt, wo es viel Wind, viel Watt, wenige Leute, kommunistische Kängurus und guten Fisch gibt und das ist fast noch besser als viel Lametta. Und zwei Wochen darauf steht Ravna wieder im Regen zwischen den Sieben Bergen und außer den sieben Zwergen gibt es ja zum Glück zumindest noch YFU.  Und wenn sie noch nicht ganz vereinsamt ist (oder vielleicht gerade dann) wird sie das nächste Mal auch nicht beim Datum schummeln müssen, weil sie die Veröffentlichung ihres Blogeintrages vergessen hat.








tirsdag 26. august 2014

Vit síggjast!

Die drei Wochen auf den Inseln voller Schafe und netter Leute sind vorbei, und plötzlich sitzt Ravna wieder in Bergen. Unter ihrem Regenschirm.
Plötzlich verstehe ich im Bus wieder, worüber sich die Damen vor mir unterhalten, im Supermarkt gibt es kein vernünftiges Brot mehr (es hat auch seine Vorteile, zu Dänemark zu gehören) und nirgendwo stehen mehr ausländische Autos mit Ferngläsern und zugehörigen Sea-Shepherd-Aktivisten darin.
Und die 28 furchtbar netten Fremden, mit denen ich die letzten drei Wochen verbracht habe, sind auch alle nicht mehr da.
Wenn die Färöer Inseln doch nur auf dem Weg nach irgendwohin lägen, es wäre so viel einfacher, bald wieder einmal hinzufahren.

Am Samstag haben wir eine Abschlussprüfung geschrieben. Da unsere Lehrerin ja ungefähr drei Viertel der Dinge, über die wir gesprochen hatten, von vornherein für zu kompliziert für uns erklärt hatte und der einzig wichtige Satz auf Färöisch sowieso „Ohjaaa, ha?“, ist, war ich nach gut 30 Minuten fertig. Und sah mich leicht verzweifelt und verstohlen um, ob ich irgendetwas völlig falsch eingeschätzt oder vergessen hatte, denn es machte niemand Anstalten, abzugeben. Nach fünf weiteren Minuten kam der Leiter des gesamten Kurses in den Raum gestürmt, und verlangte mitten in der Prüfung den Schlüssel für die Schule zurück, der sich drei Wochen lang in meinem Besitz befunden hatte (Ohne, dass ich ihn ein einziges Mal verlegt hatte! Was zugegebenermaßen auch daran liegen könnte, dass ich ihn ganz einfach nicht ein einziges Mal verwendet hatte.) Nach fünfzig Minuten gab endlich der erste seinen Test ab, was zu allgemeinem Stuhlbeinscharren führte – im Nachhinein stellten wir fest, dass wir alle seit einer halben Stunde nur aufeinander gewartet hatten.  Die andere Klasse brauchte etwas länger – immerhin verlangte ihr Examen, eine Zeichnung Paul Watsons (die natürlicherweise in keinster Weise auf dessen Namensvetter zurückzuführen war).

Am Abend gab es ein Drei-Gänge-Menü mit Fisch, Schaf, Kartoffeln, brauner Soße und Rhabarberkuchen und färöischem Kettentanz. Das machen wir in Norwegen auch manchmal, nur irgendwie fehlt den Norwegern der richtige dramatische Einschlag. 

Der Flug am nächsten Tag ging um 16:35 Uhr, und da der Bus viel zu früh ging, verbrachten wir noch beinahe 3 Stunden auf dem ruhigsten internationalen Flughafen der Welt – auf dem wir sogar das Gepäck unbeaufsichtigt vor dem Check-In-Schalter stehen ließen, weil der noch nicht offen hatte.  Sobald er öffnete, bildete sich davor eine lange Schlange dänischer Rentner. Obwohl ich seit eines Zwischenfalls mit einer Busreisegruppe, meinem Fuß und der Schlange vor der Damentoilette einer Autobahnraststätte vor etlichen Jahren eigentlich einen gesunden Respekt vor in Rudeln auftretenden Repräsentanten der älteren Generation habe, kam ich dieses Mal mit meinem Fuß gegen den Koffer einer pinken dänischen Lady, als ich versuchte, dem Koffer einer anderen, eher grünen Lady auszuweichen. Während ich noch verzweifelt mein Gleichgewicht suchte, stieß mein anderer Fuß ebenfalls gegen den Koffer der pinken Lady – und die drehte sich um, rümpfte auf äußerst unladyhafte Art und Weise ihre Nase und fragte: „Trittst du mich?“ (oder zumindest glaube ich das, bei den Dänen und den vielen fehlenden Buchstaben kann man ja nie wissen.) Ich hätte ihr ja äußerst gern meine Meinung gesagt, am liebsten auf Färöisch, aber Ravna ist ja bekanntermaßen lieb und nett und mimte das Mäuschen vor der Schlange. Entschuldigen Sie vielmals, ich wollte das nicht, ich bin nur gestolpert! 

Ich saß leider auf der linken Seite des Flugzeuges, wodurch mir der Blick auf mein nächstes Reiseziel leider versperrt blieb (Na, wo soll es hingehen?) und zu Essen wurde Sushi serviert, was für zitterhändige Tollpatsche einfach kein geeignetes Flugessen ist.
Nach einem diesmal kurzen Stopp in Kopenhagen ging es nach Bergen – und plötzlich saß ich auf Platz 1B! Ganz vorne! Da, wo man sein Gepäck nicht unter den Sitz des Vordermannes stellen kann! Zwischen einem sehr geschäftigen Geschäftsmann und einem nicht ganz so geschäftigen anderen Mann. Offensichtlich hatte mir mein sündhaft teures Atlantic Airways Ticket im von SAS bedienten Anschlussflug einen Premiumplatz beschert. Ich hätte mir, wie der geschäftige Geschäftsmann, ein Bier und eine Flasche Wein bringen lassen können. Oder, wie der nicht ganz so geschäftige Mann, eine Packung Chips und zwei Cola. Nur Ravna hat noch nie vorher in ihrem Leben ganz vorne im Flugzeug gesessen. Und wusste nicht, wo man da den Tisch ausklappt. Und da sie ein nervöser und schüchterner Tollpatsch ist, hat sie sich deswegen lieber ganz tief in ihrem neuen Wollpulli vergraben und hinter ihrem Buch versteckt und nichts bestellt.

søndag 17. august 2014

Føroyar

Wenn man einen Atlas auf der Seite über Nordeuropa aufschlägt und dann ein Dreieick zwischen Island, Schottland und Westnorwegen bildet, findet man fast genau in der Mitte ein kleines Fleckchen aus 18 Inseln. Kinder der Nullerjahre bevorzugen eventuell die Verwendung von Guugell Maps, aber da muss man dann ja nicht einmal mehr wissen, wie man ein Dreieck bildet. 

Diese kleine Fleckchen im Atlas bestehen hauptsächlich aus Steinen, Gras, Schafen und Meer und nennen sich die Färöer Inseln. Sie gehören irgendwie zu Dänemark, aber nicht zur EU, haben ihre eigene Flagge, Fußballmannschaft und Sprache, und wenn man bei einer der bekanntesten Online-Magazine Deutschlands nach ihnen sucht, erhält man hauptsächlich Artikel über Fischfangquoten und WM-Qualifikationsspiele, bei denen Handspiel ausdrücklich erlaubt ist - bei Sturm muss ein Mitspieler beim Elfmeterschießen den Ball festhalten, damit der nicht vorzeitig wegfliegt.
Die Temperatur liegt eigentlich das ganze Jahr über bei 10°C, und nachdem Ravna bereits vor zwei Jahren festgestellt hatte, dass Barcelona im August für Wahlskandinavier einfach unerträglich ist, erschienen ihr ein paar windige Felsen mitten im Nordatlantik als genau das richtige Sommerurlaubsziel. Und da sie dort auch noch eine nordische Sprache mit unregelmäßigen Verben, drei Geschlechtern und vier Fällen haben, inklusive eines dreiwöchigen Sommerkurses in Tórshavn, um sich das Ganze mal aus der Nähe angucken zu können, stand fest, wo Ravna das letzten Sommer verdiente Geld am besten sinnlos anlegen könnte - und nun sind zwei der drei Wochen auch schon wieder vorbei. 

Und bisher war es einfach nur wunderbar. Der Sprachkurs ist vielleicht nicht der beste der Welt - es ist alles sehr nordeuropäisch: "Ach, das ist vielleicht ein kleines bisschen kompliziert - naja, dann kommt es halt auch nicht in der Prüfung dran." und es gibt beinahe mehr Kaffepausen als unregelmäßige Verben, aber Färöisch ist eine äußerst faszinierende Sprache. Und ich wusste nicht, dass das mit den Fällen so kompliziert sein kann! Jetzt verstehe ich langsam, warum Deutsch von außen kompliziert aussieht. Und wir haben plötzlich wieder jeden Tag Unterricht, und Hausaufgaben! Und ich hab sie sogar schon wieder vergessen!
Unter den Teilnehmern ist vom 16-Jährigen mit färöischer Großmutter über die harfespielende amerikanische Glasbläserin und eine beeindruckende Zahl deutsche Skandinavistikstudenten bis zum 60-Jährigen pfeiferauchenden Rentner alles vertreten. Ich wohne mit zwei anderen bei einer netten älteren Dame, jeder hat ein Zimmer, wir können die Küche mitbenutzen und alles fühlt sich beinahe an wie die ersten Wochen des Austauschjahres - wo ist das Sieb, darf ich wirklich einfach an den Kühlschrank gehen, wann kann ich am besten duschen gehen ohne jemand anderen zu stören und ja doch, ich verstehe schon einiges, aber ich traue mich wirklich nicht, auf Färöisch zu antworten.

An den Wochenenden haben wir frei, gestern gab es auch eine von der Uni geplante Exkursion nach Vágar und ansonsten findet sich immer jemand, mit dem man irgendwohin fahren kann - mit der Fähre nach Suðuroy, mit dem Bus nach Vestmanna oder zu Fuß nach Kirkjubøur. Überall Steine, Gras, Schafe, Wolken und Meer, aber überall ist es einfach nur wunderschön.

29 einander völlig unbekannte Leute mit unterschiedlichster Herkunft für drei Wochen auf einer Inselgruppe mit nicht ganz 50.000 Einwohnern zusammenzustecken, ist natürlich auch an sich schon eine faszinierende Erfahrung. Viele sind weiblich, die meisten sind zwischen 20 und 30, einige sind aus Deutschland und ich bin die einzige Deutsche, die nicht Skandinavistik studiert. Die allermeisten sind äußerst lieb, und mit einigen wenigen habe ich auch nach zwei Wochen noch kein Wort gewechselt und andere würde ich gerne auch nach den drei Wochen ab und an einmal wiedersehen. Einige aber auch lieber nicht. Es ist tatsächlich wie in der Schule. Es gibt nicht nur wieder Hausaufgaben und spannende Stunden und sich-dahinziehende-schon-wieder-nur-fünf-Minuten-seit-dem-letzten-Mal-an-die-Uhr-gucken Stunden, sondern es scheint auch all die Leute zu geben, die offensichtlich in allen Schulklassen der Welt in irgendeiner Form vertreten sind. Einen, der anstatt einer Frage immer noch ungefragt die drei folgenden beantwortet. Drei oder vier, die immer und überall zu hören sind. Andere, deren Anwesenheit man nicht einmal bemerken würde, wären sie nicht körperlich anwesend. Eine Person, die immer alles weiß. Und zwar besser. 

Aber wie auch immer, das Land in dem die Pommes Kips heißen, die Busse in der Hauptstadt kostenlos sind und das die höchste Anzahl publizierte Bücher pro Nase aufweist, ist ein schönes Fleckchen und ich hoffe doch, dass ich auf der nächsten Bootsfahrt auch wieder eine SD-Karte in meine Kamera stecke.















torsdag 8. mai 2014

Fremde Welten


Taxifahren ist luxuriös und teuer (besonders in Norwegen), die meisten Fahrer sind unfreundlich (in Berlin sowieso) und fahren Leute durch die Gegend, ohne hinterher die nötigen Sozialabgaben auch abzugeben.
Soweit das Klischee. Ich wage die Behauptung, dass dem (vielleicht von den norwegischen Preisen einmal abgesehen) nicht immer so ist. Als nietrinkende Fahrradfahrerin, die  immer früh zu Bett geht  fast immer von ihren Eltern herumkutschiert wurde und ansonsten in ausreichender Nähe ausreichend vorhandener Verkehrsmittel zu Hause war und ist, kann ich mich kaum auf eigene Erfahrungen berufen.
Um eine elegante Einleitung abzukürzen, am Dienstagmorgen, nach einer wunderbaren Rügenosterwoche, fand sich Ravna plötzlich in einem Taxi wieder – schöne neue Welt! Wobei die Praktikantin der frauenpolitischen Sprecherin einer Fraktion des Bundestages in mir weiterhin allergisch auf Türaufhalten reagiert, aber wir sind ja anpassungsbereit und an solch einer Kleinigkeit sollte die kostenlose Tour zum Berliner Hauptgewächshausbahnhof nicht scheitern.
Zeit ist relativ, und ich hetzte meinem nach über zwei Wochen wieder auf „deutsch“ eingestelltem Zeitgefühl hinterher. Nahcdem ich mein neuestes Reclam-Heft die Treppe zu Gleis 3 hinunterverfolgt hatte, waren noch immer über 30 Minuten übrig. Die vorhandenen Bänke waren von einem Knäul aus übergroßen Rucksäcken und deren kuhlen Backpackerbesitzern besetzt. Ganz am Ende saßen eine ältere Dame mit einer Frisur, die auch meine Urgroßmutter schon hat, seit ich mich erinnern kann, und deren in schweinchenrosa Samt gekleidete Enkelin. Während Enkelin mit glücklicher Pausbackenmine, auf einem Schokoriegel kauend, auf ihr mit pinken Glitzersteinchen beklebtes elektronisches Spielgerät einhackte, musterte Ältere Dame ihre neuen Backpackernachbarn mit hochezogenen nachgezogenen Augenbrauen. Von unten nach oben. Und von oben nach unten. Und wieder zurück. Und von ganz links bis ganz rechts. Kein Tricorder der Welt hätte genauere Scan-Ergebnisse liefern können.
Mit dem Zug nach Budapest verschwanden die meisten Bewohner der für Ältere Dame so fremden Galaxie samt ihrer Rucksäcke, sodass auf der Bank neben ihr ein Plätzchen für mich und mein Reclam-Heftchen wurde.
Meine Aufmachung aus Kleid, Strickjacke und Seitenscheitel war Vierziger genug, um Ältere Dames Tricorderaugenscan zu entgehen. Stattdessen richtete sie diese nun auf mein oranges Reclam-Heftchen. Es ist eine Sache, gemeinsam mit einer seiner allerbesten Lieblingsfreundinnen (womit der Schmalz für heute aufgebraucht wäre) in der Rostocker S-Bahn zu sitzen und in ein und demselben Buch zu lesen (ich hätte auch die deutsche Version kaufen sollen, auf Englisch sind die Namen viel langweiliger). Fremde Frauen habe ich nur ungern schmatzend in meinem Ohr hängen. Aber gut, am Ende verschwanden sie und die rosa Enkelin in einem anderen Abteil und ich konnte mich in Ruhe meinen Prüfungsvorbereitungen widmen weiterlesen.
Bei der Bahn ist man Experte darin, durch Raum und Zeit zu navigieren und so war mein Anschlusszug bereits vor einer halben Stunde abgefahren, als wir im Leipziger Hauptbahnhof materialisierten einfuhren.
Die meisten Humanoiden auf dem S-Bahn-Steig gehörten der Spezie der beigen Rentner an und zwischen all den Steppjacken und Bügelfaltenhosen fühlte ich mich nun tatsächlich wie ein Alien. Und je weiter sich die S-Bahn hinaus aus der Stadt und in die endlosen Weiten Sachsens bewegte, desto mehr wurden es. Reisen bildet und so lernte ich das  Konzept der „Bedarfshaltestelle“ kennen, passierte die Stadt, in der ich geboren wurde (was ich weiterhin für ein Gerücht halte – ich besitze kein einziges beiges Kleidungsstück und kann harte Konsonanten benutzen!) und schwups, schon hielt der Zug an einem Bahnhof, der in den Erinnerungen meines Grundschul-Ichs noch einen eigenen Warteraum hatte, dessen Gebäude aber inzwischen zum Verkauf stand. Ich war bereit für ein neues Abendteuer – meinen Großvater, der mich im hohen Norden wähnte, zu seinem 70. Geburtstag zu überraschen.
Nach einem dreiminütigen Marsch in die falsche Richtung und einem missglückten Versuch, die einzige Eingeborene, die von meiner Ankunft erfahren durfte, zu kontaktieren (die Verbindung nach Berlin kam nie zu Stande) war ich auf dem richtigen Weg. Nach zwanzig Minuten und kurz vor dem Ziel traf ich auf ein unüberwindbares Hindernis in Form eines Terriers und mein abruptes Anhalten wurde von hinten mit entnervtem Klingeln quittiert – sobald sie sah, wer sich da nach dem Geräusch umdrehte, fiel meine Großmutter allerdings beinahe vom Rad und freute sich ganz fürchterlich und alleine das Gesicht meines Großvaters, als ich in der Tür stand, war den Ausflug in diese fremde Welt allemal wert.
Auf Reisen in fremden Galaxien muss man natürlich auch die lokalen Bräuche kennenlernen. Teilnehmende Beobachtung ist eine Methode der kulturwissenschaftlichen Feldforschung, sagte meine Prüfungsvorbereitung, wobei meine Enkelrolle einerseits die Beobachtung äußerst subjektiv, mein Aliengefühl andererseits die Teilnahme äußerst kurios gestalteten. Nach einigem Hin und Herräumen des gedeckten Kaffeetisches im Sonnenschein trafen die ersten Gäste ein. Mein Großvater feierte seinen Geburtstag mit lauter weiblichen Gästen! Die meisten kannten mich vom Hörensagen oder aus Zeiten, die vor meinem Erinnerungsvermögen liegen und die allermeisten siezten mich – ich habe das Land verlassen, bevor ich dafür alt genug war! Wie um Himmels Willen soll ich mich denn Leuten vorstellen, die mich siezen? Frau H. bin doch gar nicht ich, das ist meine Mutter! Der Kuchen war lecker und dass der schwarze Streuselkuchen es nie wirklich geschafft hat, die sächsische Landesgrenze zu überschreiten, ist eine Schande. Nach einigen Tassen Kaffee gab es den nächsten Brauch zu beobachten – das Verlesen eines Gedichts mit Überreichung eines dazu passenden Geschenkes.
Während ich nun also dort im Sonnenschein saß, den Kuchen und den Smalltalk genoß, setzte sich plötzlich Anita neben mich, die einzige, die ich nebem meinen Großeltern und meiner Uroma recht gut kannte – und sagte: „Ravna, also ich muss das jetzt mal fragen – wie ist das denn da, dort in Norwegen? Bist du da ganz alleine, oder hast du da auch Freunde?“

Hatte ich mich vorher wie ein Alien gefühlt, kam ich mir jetzt eher vor wie im falschen Film. „Auf der Kautsch mit Tante Anita“ vielleicht. Was sollte denn das? Es ist ja schön, wenn sich die Leute Sorgen um einen machen, aber - äh? Bei 13 Einwohnern pro km² mag es ja manchmal schwierig werden, aber so einsam ist es ja dann auch nicht. Und was antwortet man dann? „Nein, Freunde, sowas kennt man in Norwegen nicht. Wir sitzen alle den ganzen Tag auf unseren Zimmern, dreimal am Tag wird Essen durch die Katzenklappe geschoben und zweimal die Woche machen sie die Türen auf und lassen uns in den Hörsaal. Aber wenn wir dann jemanden direkt angucken, müssen wir wieder zurück ins Zimmer.“ Nein, natürlich nicht. Das wäre unhöflich. Oder „Freunde, nein, in Norwegen ist doch alles so teuer, das kann ich mir nicht leisten.“ Auch nicht. Obwohl auch ich schon immer rote Haare haben wollte.
Liebe Leute! Ja, ich wohne in einem fremden Land! Und ich kann sogar die Landesprache! Und ich rede mit den Leuten, und die sind sogar nett! Zumindest meistens. Und ich gehe zu Vorlesungen und zum Volkstanz und zu YFU-Seminaren und zu YFU-„Vorstands“sitzungen und auf Arbeit und ins Kino und auf Partys und zum Sonntagsmittag mit meiner Gastfamilie und auf Hyttetur und auf einen Kaffee mit Kjersti und manchmal fahre ich übers Wochenende auf einen abgelegenen Hof und tue mit zwanzig anderen so, als schrieben wir das Jahr 1030. Und manchmal sitze ich auch den ganzen Tag auf meinem Zimmer und lese Reclam-Heftchen oder gucke Fernsehserien. Das mag ja alles nicht normal sein, aber ich bin ziemlich glücklich damit.
Andere wohnen eben lieber zu Hause und sprechen ihre Muttersprache, und sie reden mit den Leuten, und meistens sind sie nett und dann machen sie eine Ausbildung und gehen zum Sportverein und in die Dorfdisco und zum Sonntagsmittag zu Mutti und auf einen Kaffee mit Katrin und manchmal fahren sie am Wochenende nach Leipzig und gehen in den Zoo. Und manchmal sitzen sie auch den ganzen Tag zu Hause und spielen Computerspiele und gucken Fernsehserien. Und ich mag das ja alles komisch finden, aber sie sind ziemlich glücklich damit.
Und solange wir am Ende des Tages alle im Sonnenschein sitzen und schwarzen Streuselkuchen essen können, ist dass doch alles völlig in Ordnung und wunderbar und fantastisch.

torsdag 1. august 2013

A democracy


Am Samstag vor zwei Wochen wurde der norwegische Kronprinz 40 Jahre alt. Anlässlich seines Geburtstags wurden auf der Festung in der Nähe des Museums püntklich um 12.00 Uhr die Kanonen abgefeuert. Meine englische Gruppe hörte das natürlich, und auf meine Erklärung hin rief ein erstaunter Amerikaner: "Oh! But I always thought Norway was a democracy!". 
Glücklicherweise war seine Begleiterin etwas besser informiert, sodass sie ihm erklären konnte, wie eine Demokratie und ein Kronprinz doch einigermaßen zusammenpassen können.

torsdag 11. juli 2013

Stulle zum Mittag, Sonne am Abend (II)

Für zehn Minuten bekommen meine Füße noch eine Ruhepause hinter der Kasse, bevor auch ich all mein Englisch zusammenkratzen muss, um 20 begeisterungsfähigen Amerikanern ein bisschen Weltkulturerbe zu zeigen.

Genau kann ich natürlich nicht wissen, wie viele Amerikaner unter meinen 20 Verfolgern sind, aber generell sind es überraschend viele. Zwei Mädchen verraten sich nach einigen Metern durch einige deutsche Sätze als Spätaufsteherinnen, die es nicht zur 10:00-Uhr-Tour geschafft haben, und spätestens bei der Erwähnung schottischer Hilfe zum Bau der cirka 850 Jahre alten Marienkirche geben sich auch die ersten Briten zu erkennen. 
Ich bin kein Freund von Verallgemeinerungen und Vorurteilen, aber manchmal steckt ja doch ein Körnchen Wahres darin. Im Gegensatz zu meiner Gruppe deutscher Regenjacken vom Morgen, geht es diesmal recht lebhaft zu. Je älter das Ausstellungsstück, mit desto mehr "Amazing!"-Ausrufen wird es bedacht, es werden mehr Fragen gestellt und der Satz "Oh my God, they all shared one bathroom?" wird mit Abstand Tagessieger.
Ich mag die englischen Führungen. Niemand fragt mich nach dem durchschnittlichen Jahreseinkommen eines deutschen Tischlers, der seit drei Jahren in Norwegen lebt und zwei Kinder und eine Frau mit Heuschnupfen hat, niemand verfolgt mich nach der Führung noch bis auf die Toilette, um mir 100 Kronen in die Hand zu drücken (Geld an sich ist ja ganz nett, aber im Gegensatz zu den Bewohnern des mittelalterlichen Bergens, die Toiletten mit zwei Sitzen nebeneinander bauten, habe ich an gewissen Orten doch ganz gerne meine Ruhe). Ein wenig mehr USA-Erfahrung täte mir allerdings an manchen Stellen ganz gut. Wie reagiert man auf überschwängliche Komplimente zu meinem doch manchmal noch holprigen Englisch, wie erklärt man den Unterschied zwischen Indianern und Samen, ohne eine der beiden Gruppen oder Norweger bzw. Amerikaner europäischer Abstammung dabei schlecht wegkommen, und will sich die Dame, die hinter jedem Satz meinen Namen anhängt eigentlich über mich lustig machen? "Ravna, what is that, Ravna?", "Thank you, Ravna.", "Amazing, Ravna!", "Ravna, ..., Ravna!",  ich denke, meinen Namen werde ich so schnell nicht mehr vergessen.
Die Temperaturen haben abzüglich Wind inzwischen auch die versprochenen 20 Grad erreicht, und mich beschleicht der Gedanke, dass die Frauen des Mittelalters froh sein können, dass die Kunstfaser damals noch nicht erfunden war. Als ich nach 90 Minuten wieder im Museum bin, kann ich mir wenigstens wieder zivile Kleidung anziehen. Am Morgen bin ich in Gummistiefeln gekommen, Schuhe, die man auch bei 20° tragen kann, wollte ich mitnehmen. Die stehen natürlich auch noch zu Hause. Laut Stine passen auch die schwarzen Schuhe, die ich zu meiner Plastiktracht trage, aber nach meinem Gefühl starren nun alle auf die schwarzen Halbschuhe, die so überhaupt nicht zu den halblangen Hosen passen.
14:00 ist Schluss, noch ein Kaffee und dann der für heute letzte Lauf entlang von Bryggen. Diesmal gibt es - trotz der unpassenden Schuhe - keine asiatischen Touristen, die mich mit ihren Kameralinsen einzufangen versuchen. Nach der Busfahrt und dem zehnminütigen Aufstieg nach Hause, finde ich im Briefkasten einen Zettel von der Bank. Nach einem zwanzigtägigen Behördenmarathon bin ich nun schon auf halbem Weg, Zugriff auf mein niegelnagelneues und außerdem völlig leeres Bankkonto zu bekommen - meine Steuerkarte lässt nämlich auf sich warten, und ohne die kriege ich auch erstmal meinen Lohn nicht. Es sei denn, ich hätte Lust, 50% Steuern zu zahlen. Aber das würden dann auch die 100 Kronen von der Toilettenverfolgerin nicht mehr rausreißen.
Die Sonne scheint, das will genossen werden, aber als ich kurz nach zehn in mein Bett fallen will, und die Außenwelt keine Anstalten macht, das Licht auszuknipsen, erscheint mir das Regenwetter der vergangenen zwei Wochen gar nicht mal mehr so schlecht. Und da fragen die Leute, wie man eigentlich mit der Dunkelheit im Winter klarkommt.