Viser innlegg med etiketten Deutschland. Vis alle innlegg
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torsdag 15. januar 2015

Früher war mehr Lametta

Es ist Heiligmorgen. Der Weihnachtsbaum der Familie H. ist schon seit einer Woche geschmückt, die Würstchen liegen im Kühlschrank und die Plätzchen in der Keksdose. Ravna sitzt nach ihrer Mini-Besuchstour durch Deutschland und Österreich (über die an anderer Stelle berichtet werden soll sie bisher aus Faulheit nichts geschrieben hat) im Schlafanzug und ohne Brille am Küchentisch und schlabbert Schokoladenmüsli. Sie könnte einen Kaffee vertragen, aber ihre Eltern haben seit Ravnas Auszug ihre linksökologische, irgendwie niedliche Spießigkeit zu neuen Höhen getrieben, und sich eine Kaffeemühle gekauft, deren Bedienung ihr ein Rätsel ist.
Pünktlich vor dem Mittagessen kommen die Großeltern, und dann machen wir es uns gemütlich. Ravna hat vor lauter Eifer beim Abwaschen die zusätzliche Brühe für die Mittagssuppe im Abfluss verschwinden lassen, daher gibt es Nudelbrei mit Möhren und Hühnerfleisch, und Oma hat einen Obstsalat mit Quarkkrem aus dem Land der beigen Rentner mitgebracht, der unter anderem dezemberfrische Himbeeren enthält. Wir essen sonst nie Kompott, sagt Mama. Aber es ist ja Weihnachten, sagt Ravna. Und gemütlich. Ravnas Papa hat einen Auftrag als Weihnachtsmann, die Großeltern sitzen im Wohnzimmer, und weil man bei Familie H. selbst bei Gesprächen übers Wetter an Weihnachten irgendwann einer Armee von Fettnäpfchen gegenübersteht, geht Ravna in ihr Zimmer. Und wischt und saugt nach anderthalb Jahren endlich einmal wieder ordentlich Staub. Hatschie! So sauber war es im Wäschezimmer ihrer Eltern sicher seit langem nicht mehr.
Die Großeltern sitzen im Wohnzimmer unterm Weihnachtsbaum (Same tree as every year: unten zu buschig, oben zu kahl und rundherum viele Kringel. Und nur rote Kugeln!), Mama schmeißt eine Weinflasche runter, irgendwann gibt es Würstchen mit selbstgemachtem Kartoffelsalat aus selbstgekauftem Fleischsalat (oder salladdd, wie man im Land der beigen Rentner sagt) und dann eine Schöne Bescherung. Ravna verschenkt schon seit Jahren selbstgeklebte Fotokalender und seit ebenso vielen Jahren liegen auf ihrem Bunten Teller Lebkuchen und Dominosteine, von denen sie nach drei Monaten Adventszeit doch nun wirklich genug hat. Die entfernte Verwandtschaft und Bekanntschaft beschenkt die außerhalb der EU-Grenzen lebende Studentin mit allerlei Euroscheinen in verschiedenen Farben und dann ist Heiligabend auch schon fast wieder vorbei. Früher war irgendwie mehr Lametta.
Am nächsten Tag kocht Papa Ente, wir machen einen Familienausflug und besuchen eine Wikingerausstellung, die Quarkkrem mit Obstsalat wird alle und Oma ist froh, dass es zumindest YFU gibt, da trifft Ravna in Norwegen ja wenigstens mal ein paar Leute.
Da sie ja in den Vorlesungen, beim Tanzen und auf Arbeit nie einer Menschenseele begegnet, ist das wirklich ein Glück.
Am zweiten Weihnachtsfeiertag fahren die Großeltern zurück zu den beigen Rentnern und die Familie H. auf die Halbinsel Eiderstedt, wo es viel Wind, viel Watt, wenige Leute, kommunistische Kängurus und guten Fisch gibt und das ist fast noch besser als viel Lametta. Und zwei Wochen darauf steht Ravna wieder im Regen zwischen den Sieben Bergen und außer den sieben Zwergen gibt es ja zum Glück zumindest noch YFU.  Und wenn sie noch nicht ganz vereinsamt ist (oder vielleicht gerade dann) wird sie das nächste Mal auch nicht beim Datum schummeln müssen, weil sie die Veröffentlichung ihres Blogeintrages vergessen hat.








lørdag 4. oktober 2014

Hexen und Touristen

Wo Ravna jetzt wohnt
Im September hatte Ravna viel zu viel zu tun, um von sich hören zu lassen. Oder vielleicht ist auch einfach überhaupt nichts passiert. Oder vielleicht  .... ganz vielleicht ... also, eher nicht, aber eventuell ... war sie einfach viel zu faul zum Schreiben. Was, wie diejenigen, die Ravna auch außerhalb des zwischennetzlichen Lebens kennen, eher unwahrscheinlich ist. Aber man weiß ja nie!
 
In Bergen hat der jährliche Regenschauer begonnen, es ist windig, allerdings noch nicht kalt, und deswegen hat sich Ravna diese Woche passend zum Wetter ersteinmal ein Fahrrad zugelegt. Da das Studentenwerk momentan lieber die Wände im Treppenaufgang pink und lila streichen lässt, anstatt den seit  Jahren versprochenen neuen Fahrradunterstand zu bauen, ist esl auf dem Balkon eingezogen.

Woran Leute denken...
An der Uni geht es dieses Semester um Hexenprozesse und die Vergangenheit in der Gegenwart. Frühe Vorfahren der Kulturwissenschaftler führten Forschungsinterviews über den Teufel  - an Forschungsethik hatte man nur noch nicht gedacht, deswegen konnte die Durchführung für die Informanten mitunter unangenehmt werden, erzählt uns unsere Dozentin. Ich bin mir nicht so ganz sicher, ob ich mich in eine direkte Linie zu diesen historischen Personen der Vergangenheit stellen möchte, um mir in der Gegenwart eine Identität als Kulturwissenschaftler zu schaffen, auch wenn es in unserem Jahrhundert offensichtlich einen religiös anmutenten Hang zu Kulturerbe und Ahnenkunde gibt. Nebenher nehme ich jede Woche einmal zwei Stunden lang Wörter außeindander und hoffe, dass mein Vordermann in der Bahn nicht nass wird, während ich den Unterschied der Ausprache des ersten Lauts in "the" und "theater" zu ergründen versuche.

... wenn Ravna "aus Berlin" kommt.
Das Herbstsemester ist fast einen ganzen Monat kürzer als das Frühlingssemester und in sechs Wochen fängt schon die erste Prüfung an. Wäh! 

Der September ist auch der Monat, in dem Ravna jedes Jahr näher an die ersten Falten heranschreitet, und da dieses Ereignis traditionell mit Quarktorte ohne Boden gefeiert wird, nahm sie ein Flugzeug nach Berlin, um Kuchen zu essen, ins Theater zu gehen und ein paar Tage ihre Eltern fürs Mittagessen zahlen zu lassen.


Wo Ravna eigentlich herkommt
Und am heutigen Wochenende hat Ravna zum ersten Mal eine Schicht im Museumskafè gearbeitet - das Brot ist nicht angebrannt, die Kasse stimmte und alle Teller sind noch heile; die ersten zwei Waffeln sind allerdings auseinandergefallen und dem Touristen, der seinen Rucksack mit kleinen Kaffeesahnepäckchen auffüllte, als er meine Augen auf den Waffelteig geheftet wähnte, habe ich seinen Glauben gelassen. Was sagt man auch zu sowas?

onsdag 23. juli 2014

Nord-Norge

Es ist mein erster komplett freier Tag zu Hause seit 17 Tagen und ich verbringe den Vormittag damit, endlich einmal die Küche und das Bad zu putzen und in meinem Zimmer saugzustauben. Fühlt sich so Erwachsensein an?

Nicht, dass ich 17 Tage hintereinander gearbeitet hätte. Das Wochenende vor dem letzten war ich in Nordnorwegen, in Bardufoss und in Tromsø, zusammen mit meiner Gastfamilie. Meine Gastmutter hat in der Gegend gewohnt, als sie klein war, und nachdem sie jahrelang von dieser Reise gesprochen hat, haben wir sie nun also auch endlich durchgeführt.
In Tromsø war ich vor drei Jahren schon einmal im Januar, da war es allerdings fast die ganze Zeit dunkel, nun schien 24h lang die Sonne (die Berge und die Wolken mal nicht mitgerechnet). Ich war vorher noch nie mit meiner Gastfamilie auf Reisen, und es ist definitiv eine Herausforderung, mit acht Leuten im Supermarkt zu stehen und sich zu einigen, was es zum Abendbrot geben soll und wer für wie viele Orangensaftkartons bezahlt, aber es war ein wunderbares Wochenende. 



























torsdag 8. mai 2014

Fremde Welten


Taxifahren ist luxuriös und teuer (besonders in Norwegen), die meisten Fahrer sind unfreundlich (in Berlin sowieso) und fahren Leute durch die Gegend, ohne hinterher die nötigen Sozialabgaben auch abzugeben.
Soweit das Klischee. Ich wage die Behauptung, dass dem (vielleicht von den norwegischen Preisen einmal abgesehen) nicht immer so ist. Als nietrinkende Fahrradfahrerin, die  immer früh zu Bett geht  fast immer von ihren Eltern herumkutschiert wurde und ansonsten in ausreichender Nähe ausreichend vorhandener Verkehrsmittel zu Hause war und ist, kann ich mich kaum auf eigene Erfahrungen berufen.
Um eine elegante Einleitung abzukürzen, am Dienstagmorgen, nach einer wunderbaren Rügenosterwoche, fand sich Ravna plötzlich in einem Taxi wieder – schöne neue Welt! Wobei die Praktikantin der frauenpolitischen Sprecherin einer Fraktion des Bundestages in mir weiterhin allergisch auf Türaufhalten reagiert, aber wir sind ja anpassungsbereit und an solch einer Kleinigkeit sollte die kostenlose Tour zum Berliner Hauptgewächshausbahnhof nicht scheitern.
Zeit ist relativ, und ich hetzte meinem nach über zwei Wochen wieder auf „deutsch“ eingestelltem Zeitgefühl hinterher. Nahcdem ich mein neuestes Reclam-Heft die Treppe zu Gleis 3 hinunterverfolgt hatte, waren noch immer über 30 Minuten übrig. Die vorhandenen Bänke waren von einem Knäul aus übergroßen Rucksäcken und deren kuhlen Backpackerbesitzern besetzt. Ganz am Ende saßen eine ältere Dame mit einer Frisur, die auch meine Urgroßmutter schon hat, seit ich mich erinnern kann, und deren in schweinchenrosa Samt gekleidete Enkelin. Während Enkelin mit glücklicher Pausbackenmine, auf einem Schokoriegel kauend, auf ihr mit pinken Glitzersteinchen beklebtes elektronisches Spielgerät einhackte, musterte Ältere Dame ihre neuen Backpackernachbarn mit hochezogenen nachgezogenen Augenbrauen. Von unten nach oben. Und von oben nach unten. Und wieder zurück. Und von ganz links bis ganz rechts. Kein Tricorder der Welt hätte genauere Scan-Ergebnisse liefern können.
Mit dem Zug nach Budapest verschwanden die meisten Bewohner der für Ältere Dame so fremden Galaxie samt ihrer Rucksäcke, sodass auf der Bank neben ihr ein Plätzchen für mich und mein Reclam-Heftchen wurde.
Meine Aufmachung aus Kleid, Strickjacke und Seitenscheitel war Vierziger genug, um Ältere Dames Tricorderaugenscan zu entgehen. Stattdessen richtete sie diese nun auf mein oranges Reclam-Heftchen. Es ist eine Sache, gemeinsam mit einer seiner allerbesten Lieblingsfreundinnen (womit der Schmalz für heute aufgebraucht wäre) in der Rostocker S-Bahn zu sitzen und in ein und demselben Buch zu lesen (ich hätte auch die deutsche Version kaufen sollen, auf Englisch sind die Namen viel langweiliger). Fremde Frauen habe ich nur ungern schmatzend in meinem Ohr hängen. Aber gut, am Ende verschwanden sie und die rosa Enkelin in einem anderen Abteil und ich konnte mich in Ruhe meinen Prüfungsvorbereitungen widmen weiterlesen.
Bei der Bahn ist man Experte darin, durch Raum und Zeit zu navigieren und so war mein Anschlusszug bereits vor einer halben Stunde abgefahren, als wir im Leipziger Hauptbahnhof materialisierten einfuhren.
Die meisten Humanoiden auf dem S-Bahn-Steig gehörten der Spezie der beigen Rentner an und zwischen all den Steppjacken und Bügelfaltenhosen fühlte ich mich nun tatsächlich wie ein Alien. Und je weiter sich die S-Bahn hinaus aus der Stadt und in die endlosen Weiten Sachsens bewegte, desto mehr wurden es. Reisen bildet und so lernte ich das  Konzept der „Bedarfshaltestelle“ kennen, passierte die Stadt, in der ich geboren wurde (was ich weiterhin für ein Gerücht halte – ich besitze kein einziges beiges Kleidungsstück und kann harte Konsonanten benutzen!) und schwups, schon hielt der Zug an einem Bahnhof, der in den Erinnerungen meines Grundschul-Ichs noch einen eigenen Warteraum hatte, dessen Gebäude aber inzwischen zum Verkauf stand. Ich war bereit für ein neues Abendteuer – meinen Großvater, der mich im hohen Norden wähnte, zu seinem 70. Geburtstag zu überraschen.
Nach einem dreiminütigen Marsch in die falsche Richtung und einem missglückten Versuch, die einzige Eingeborene, die von meiner Ankunft erfahren durfte, zu kontaktieren (die Verbindung nach Berlin kam nie zu Stande) war ich auf dem richtigen Weg. Nach zwanzig Minuten und kurz vor dem Ziel traf ich auf ein unüberwindbares Hindernis in Form eines Terriers und mein abruptes Anhalten wurde von hinten mit entnervtem Klingeln quittiert – sobald sie sah, wer sich da nach dem Geräusch umdrehte, fiel meine Großmutter allerdings beinahe vom Rad und freute sich ganz fürchterlich und alleine das Gesicht meines Großvaters, als ich in der Tür stand, war den Ausflug in diese fremde Welt allemal wert.
Auf Reisen in fremden Galaxien muss man natürlich auch die lokalen Bräuche kennenlernen. Teilnehmende Beobachtung ist eine Methode der kulturwissenschaftlichen Feldforschung, sagte meine Prüfungsvorbereitung, wobei meine Enkelrolle einerseits die Beobachtung äußerst subjektiv, mein Aliengefühl andererseits die Teilnahme äußerst kurios gestalteten. Nach einigem Hin und Herräumen des gedeckten Kaffeetisches im Sonnenschein trafen die ersten Gäste ein. Mein Großvater feierte seinen Geburtstag mit lauter weiblichen Gästen! Die meisten kannten mich vom Hörensagen oder aus Zeiten, die vor meinem Erinnerungsvermögen liegen und die allermeisten siezten mich – ich habe das Land verlassen, bevor ich dafür alt genug war! Wie um Himmels Willen soll ich mich denn Leuten vorstellen, die mich siezen? Frau H. bin doch gar nicht ich, das ist meine Mutter! Der Kuchen war lecker und dass der schwarze Streuselkuchen es nie wirklich geschafft hat, die sächsische Landesgrenze zu überschreiten, ist eine Schande. Nach einigen Tassen Kaffee gab es den nächsten Brauch zu beobachten – das Verlesen eines Gedichts mit Überreichung eines dazu passenden Geschenkes.
Während ich nun also dort im Sonnenschein saß, den Kuchen und den Smalltalk genoß, setzte sich plötzlich Anita neben mich, die einzige, die ich nebem meinen Großeltern und meiner Uroma recht gut kannte – und sagte: „Ravna, also ich muss das jetzt mal fragen – wie ist das denn da, dort in Norwegen? Bist du da ganz alleine, oder hast du da auch Freunde?“

Hatte ich mich vorher wie ein Alien gefühlt, kam ich mir jetzt eher vor wie im falschen Film. „Auf der Kautsch mit Tante Anita“ vielleicht. Was sollte denn das? Es ist ja schön, wenn sich die Leute Sorgen um einen machen, aber - äh? Bei 13 Einwohnern pro km² mag es ja manchmal schwierig werden, aber so einsam ist es ja dann auch nicht. Und was antwortet man dann? „Nein, Freunde, sowas kennt man in Norwegen nicht. Wir sitzen alle den ganzen Tag auf unseren Zimmern, dreimal am Tag wird Essen durch die Katzenklappe geschoben und zweimal die Woche machen sie die Türen auf und lassen uns in den Hörsaal. Aber wenn wir dann jemanden direkt angucken, müssen wir wieder zurück ins Zimmer.“ Nein, natürlich nicht. Das wäre unhöflich. Oder „Freunde, nein, in Norwegen ist doch alles so teuer, das kann ich mir nicht leisten.“ Auch nicht. Obwohl auch ich schon immer rote Haare haben wollte.
Liebe Leute! Ja, ich wohne in einem fremden Land! Und ich kann sogar die Landesprache! Und ich rede mit den Leuten, und die sind sogar nett! Zumindest meistens. Und ich gehe zu Vorlesungen und zum Volkstanz und zu YFU-Seminaren und zu YFU-„Vorstands“sitzungen und auf Arbeit und ins Kino und auf Partys und zum Sonntagsmittag mit meiner Gastfamilie und auf Hyttetur und auf einen Kaffee mit Kjersti und manchmal fahre ich übers Wochenende auf einen abgelegenen Hof und tue mit zwanzig anderen so, als schrieben wir das Jahr 1030. Und manchmal sitze ich auch den ganzen Tag auf meinem Zimmer und lese Reclam-Heftchen oder gucke Fernsehserien. Das mag ja alles nicht normal sein, aber ich bin ziemlich glücklich damit.
Andere wohnen eben lieber zu Hause und sprechen ihre Muttersprache, und sie reden mit den Leuten, und meistens sind sie nett und dann machen sie eine Ausbildung und gehen zum Sportverein und in die Dorfdisco und zum Sonntagsmittag zu Mutti und auf einen Kaffee mit Katrin und manchmal fahren sie am Wochenende nach Leipzig und gehen in den Zoo. Und manchmal sitzen sie auch den ganzen Tag zu Hause und spielen Computerspiele und gucken Fernsehserien. Und ich mag das ja alles komisch finden, aber sie sind ziemlich glücklich damit.
Und solange wir am Ende des Tages alle im Sonnenschein sitzen und schwarzen Streuselkuchen essen können, ist dass doch alles völlig in Ordnung und wunderbar und fantastisch.

mandag 5. mai 2014

Rügen









Warum sich die Technik weigert, die Bilder so anzuordnen, wie ich es gerne hätte, weiß ich nicht genau. Wie auch immer, Rügen ist wunderschön, vor allem, wenn noch nicht allzuviele Badegäste dort herumspringen, und ich hatte schon viel zu lange keine Kamera mehr in der Hand. Und gehe jetzt weiter prokastinieren, schließlich schreib ich am Mittwoch meine erste Prüfung. Danach kann ich mich sicher auch mit dem Technikproblem auseinandersetzen.

tirsdag 21. januar 2014

Kulturelle Perspektiven

Neulich im Museum, erster Arbeitstag nach beinahe einem Monat Semester- und Weihnachtsferien:
Ravna: „Nei, det er dessverre ikke rabatt for pensjonister, det koster 70 kroner for alle.”
Kunde: ”Er du engelsk?” (Bist du englisch? = Kommst du aus England?)
Ravna:  ”Nei. Altså, jeg er ikke norsk heller, men jeg er ikke engelsk.”

Eine Stunde später:
Ravna:  ”Thank you. It’s best to begin downstairs.“
Kunde: “Are you Scottish?”
Ravna: “Oh, ähm – häääh? ………. No. I’m German.”

Nach einigen Minuten:
Kunde: „Tu tickets, pliiies!“
Ravna: „Hundertvierzig Kronen bitte! Hier sind Ihre Tickets und wir empfehlen Ihnen, unten anzufangen.“
Kunde: „Oh, Sie sprechen aber gut Deutsch!“
Ravna: „ …“

Manchmal ist es aber auch zum Verrücktwerden! Über Weihnachten war ich in Berlin, dann habe ich eine Woche mit einer Freundin aus Deutschland in Bergen verbracht, dann hatte ich Besuch aus , Australien und plötzlich war ich auf Arbeit, hatte einen Monat lang kaum ein Wort Norwegisch gesprochen und alle Sprachen und Akzente wirbelten durcheinander. Auch wenn ich mir das Schottisch nicht so ganz erklären kann, ich kann ja noch nicht einmal ein vernünftiges rollendes R.
Das ist nun aber auch schon wieder eine Weile her, und inzwischen studiert das zweite Semester auch schon wieder fast zwei Wochen so vor sich hin, und Ravna versucht verzweifelt, sich daran zu erinnern, wo sie denn gleich nochmal die große Tüte Motivation hingelegt hat, die doch unterm Weihnachtsbaum lag. 3000 Seiten über kulturelle und historische Perspektiven auf Gesundheit und kulturwissenschaftliche Methoden wollen bis Mitte Mai gelesen werden, aber neben meiner neu entdeckten Liebe zu Hörbüchern, einer gewissen britischen Fernsehserie und Shakespeares Richard II. (ja doch, ich bin komisch. Wer sonst freut sich um 2:00 nachts über die Parallelen zwischen „thou hast“ und „du hast“?), sehen die für viel Geld erstandenen Lehrbücher einfach ein bisschen blass aus.

Diese Woche wird das alles sowieso nichts mehr, denn morgen beginnt das Mittelseminar von YFU Norwegen, das dieses Jahr hier in Bergen stattfindet. Die norwegische Haltung, was genaue Planung und Vorbereitung angeht, treibt mich in den Wahnsinn, und am Ende wird doch wieder alles glatt laufen und ganz wunderbar sein. Aber niemand würde behaupten, man merke gar nicht, dass ich kein Norweger bin, wenn er wüsste, wie unglaublich gestresst mich das alles macht! 

Im Studentenwohnheimskollektiv, dritter Stock, erste Tür rechts, werden wir jetzt auch endlich eine Putzliste einführen! Nach einem halben Jahr! Jiiipppieeh! Nicht, dass ich so unglaublich gerne putzen würde. Aber wenigstens brauch ich dann kein schlechtes Gewissen mehr haben, wenn die Nachbarin rechts wieder dreimal hintereinander alles alleine gemacht hat, und wir können dem Nachbarn links endlich beibringen, dass Küchenputzspray in Kombination mit trockenem Geschirrhandtuch nicht so gut gegen fettige Herdplatten hilft, wie in der Werbung. Und überhaupt. Ordnung und Sauberkeit und so. Wenn ich schon kein Deutsch mehr kann, muss ich ja wenigstens an etwas anderem festhalten. 

onsdag 25. desember 2013

Alle Jahre wieder


“It’s a funny thing coming home. Nothing changes. Everything looks the same, feels the same, even smells the same. You realize what’s changed, is you.”

Ich kann mich nur noch sehr ungenau an den Film „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ erinnern, und ich bin mir noch nicht einmal so sicher, ob ich ihn überhaupt komplett gesehen hab, oder nur in Ausschnitten. Die zugehörige Kurzgeschichte kenne ich auch nicht. Ich weiß auch gar nicht, in welchem Zusammenhang obengenannter Satz fällt.  Deswegen habe ich ihn einfach mal elegant aus dem Zusammenhang gerissen – im letzten Semester haben wir immerhin gelernt, wie man sinnvoll und korrekt zitiert – um ihn für meine eigenen Zwecke zu gebrauchen.
Ich war die letzten zehn Tage zu Hause. Nicht zu Hause in Bergen, nicht zu Hause in Os, sondern zu Hause in Berlin, bei meinen Eltern. Es war genau sechs Monate her, dass ich am Tag nach dem Abiball ins Flugzeug gestiegen war, um den Sommer zwischen buntbetatzten Kreuzfahrttouristen und bereits vor 900 Jahren abgebrannten Holzhäusern zu verbringen. Und danach die ein oder andere Philosophievorlesung im Ansichtsverzeichnis zu verbringen. Aber nach sechs Monaten Wieso-sprechen-Sie-so-gut-deutsch und Cogito-ergo-sum und Präzisieren-einer-Aussage und Erstelle-ein-Argumentationsdiagram war es höchste Zeit, mal wieder zu richtigem Brot und Großstadt nach Berlin zu fahren.
Es hat sich nicht viel verändert. Der Flughafen in Tegel, der Weg nach Hause, die Straße, das Haus meiner Eltern. Mamas Auto heult immer noch schrecklich beim Schalten und die Matratze in meinem Bett hat immer noch an genau der gleichen Stelle eine Kuhle.
Everything looks the same, feels the same, even smells the same
Die Frau beim Bio-Bäcker in der Bio-Supermarkt-Kette wünscht mir um kurz nach vier einen schönen Nachmittag, „wobei, es wird ja jetzt immer so früh dunkel, es sieht eher aus wie ein schöner Abend.“ Nun, ich hatte mir gerade gedacht, wie schön, dass es hier ein bisschen länger hell ist.
Kurz danach stehe ich im Schreibwarenladen, um Tintenpatronen zu kaufen und krame verzweifelt in meinem Portmonee. Wie sehen nochmal die 50-Cent-Münzen aus? Sind die blauen Scheine die Zwanziger?
An der Supermarktkasse suche ich verwundert nach dem Kartenlesegerät, als mir die Verkäuferin meine EC-Karte aus der Hand reißt und sie in das für mich unerreichbare Teil schiebt.
Auf dem Rückweg steht eine riesige Menschentraube an der Bushaltestelle. Nun, ich habe ja einen Fahrschein, da kann ich ja hinten einsteigen. Als der Bus kommt, öffnet der Fahrer die eine Hälfte der vorderen Doppeltür und alle Wartenden versuchen, möglichst als erste einzusteigen, um dann noch stundenlang nach Kleingeld zu kramen, wenn sie ihre Fahrkarten beim Fahrer kaufen.
Als ich dann bei meinen Eltern in unserer angenehm vertraut nach Holz, Tee und Bioladen riechenden Küche sitze und von der Uni erzähle, stolpere ich über Worte wie „Vorleser“ und „Seminaraufgabe“, nichtsahnend, dass diese Dinge auf Deutsch „Dozent“ und „Hausarbeit“ heißen und am nächsten Morgen erklärt mir die Dame, die mir die Zöpfe wieder ab und die Haare damit kurzschneiden soll, dass sie einen Akzent zu meinen hört.

Im Kino spricht Bilbo Beutlin Deutsch und mein Vorhaben, meinen Eltern meine neueste Fernsehseriensucht näher zu bringen droht daran zu scheitern, dass die Synchronisation den Doktor und Donna Noble in ein paar lachhaft hysterische Teenager zu verwandeln scheint.
Wir gehen ins Theater zu einem Stück von Brecht und vorher in die Kantine, an Heilig Abend spielt Papa erst den Weihnachtsmann bei einem Kollegen und dann gibt es Würstchen mit Kartoffelsalat. Auf der Couch sitzen die Großeltern und unterm Weihnachtsbaum die Geschenke, ich habe wie immer vergessen, die Preisschilder abzumachen. Meine Eltern schenken meinen Großeltern nichts und meine Großeltern schenken meinen Eltern nichts, so ist es seit Jahren abgemacht und seit ebenso vielen Jahren halten sich meine Großeltern nicht daran und wie jedes Jahr legt sich zwischen Tannennadel- und Plätzchenduft ein Hauch von Familienstreit – oh, du schöne Weihnachtszeit!
Nothing changes.
Und als alles schon fast wieder vorbei ist, fragt meine Großmutter mich, ob ich schon aufgeregt sei. Ich verstehe nicht. Die Bescherung vorbei, warum denn jetzt noch aufgeregt sein? Morgen führe ich ja wieder nach Norwegen. 

You realize what’s changed, is you. Morgen fahre ich ja wieder nach Hause.

 
You realize what’s changed, is you. Morgen fahre ich ja wieder nach Hause.