Viser innlegg med etiketten Reisen. Vis alle innlegg
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tirsdag 26. august 2014

Vit síggjast!

Die drei Wochen auf den Inseln voller Schafe und netter Leute sind vorbei, und plötzlich sitzt Ravna wieder in Bergen. Unter ihrem Regenschirm.
Plötzlich verstehe ich im Bus wieder, worüber sich die Damen vor mir unterhalten, im Supermarkt gibt es kein vernünftiges Brot mehr (es hat auch seine Vorteile, zu Dänemark zu gehören) und nirgendwo stehen mehr ausländische Autos mit Ferngläsern und zugehörigen Sea-Shepherd-Aktivisten darin.
Und die 28 furchtbar netten Fremden, mit denen ich die letzten drei Wochen verbracht habe, sind auch alle nicht mehr da.
Wenn die Färöer Inseln doch nur auf dem Weg nach irgendwohin lägen, es wäre so viel einfacher, bald wieder einmal hinzufahren.

Am Samstag haben wir eine Abschlussprüfung geschrieben. Da unsere Lehrerin ja ungefähr drei Viertel der Dinge, über die wir gesprochen hatten, von vornherein für zu kompliziert für uns erklärt hatte und der einzig wichtige Satz auf Färöisch sowieso „Ohjaaa, ha?“, ist, war ich nach gut 30 Minuten fertig. Und sah mich leicht verzweifelt und verstohlen um, ob ich irgendetwas völlig falsch eingeschätzt oder vergessen hatte, denn es machte niemand Anstalten, abzugeben. Nach fünf weiteren Minuten kam der Leiter des gesamten Kurses in den Raum gestürmt, und verlangte mitten in der Prüfung den Schlüssel für die Schule zurück, der sich drei Wochen lang in meinem Besitz befunden hatte (Ohne, dass ich ihn ein einziges Mal verlegt hatte! Was zugegebenermaßen auch daran liegen könnte, dass ich ihn ganz einfach nicht ein einziges Mal verwendet hatte.) Nach fünfzig Minuten gab endlich der erste seinen Test ab, was zu allgemeinem Stuhlbeinscharren führte – im Nachhinein stellten wir fest, dass wir alle seit einer halben Stunde nur aufeinander gewartet hatten.  Die andere Klasse brauchte etwas länger – immerhin verlangte ihr Examen, eine Zeichnung Paul Watsons (die natürlicherweise in keinster Weise auf dessen Namensvetter zurückzuführen war).

Am Abend gab es ein Drei-Gänge-Menü mit Fisch, Schaf, Kartoffeln, brauner Soße und Rhabarberkuchen und färöischem Kettentanz. Das machen wir in Norwegen auch manchmal, nur irgendwie fehlt den Norwegern der richtige dramatische Einschlag. 

Der Flug am nächsten Tag ging um 16:35 Uhr, und da der Bus viel zu früh ging, verbrachten wir noch beinahe 3 Stunden auf dem ruhigsten internationalen Flughafen der Welt – auf dem wir sogar das Gepäck unbeaufsichtigt vor dem Check-In-Schalter stehen ließen, weil der noch nicht offen hatte.  Sobald er öffnete, bildete sich davor eine lange Schlange dänischer Rentner. Obwohl ich seit eines Zwischenfalls mit einer Busreisegruppe, meinem Fuß und der Schlange vor der Damentoilette einer Autobahnraststätte vor etlichen Jahren eigentlich einen gesunden Respekt vor in Rudeln auftretenden Repräsentanten der älteren Generation habe, kam ich dieses Mal mit meinem Fuß gegen den Koffer einer pinken dänischen Lady, als ich versuchte, dem Koffer einer anderen, eher grünen Lady auszuweichen. Während ich noch verzweifelt mein Gleichgewicht suchte, stieß mein anderer Fuß ebenfalls gegen den Koffer der pinken Lady – und die drehte sich um, rümpfte auf äußerst unladyhafte Art und Weise ihre Nase und fragte: „Trittst du mich?“ (oder zumindest glaube ich das, bei den Dänen und den vielen fehlenden Buchstaben kann man ja nie wissen.) Ich hätte ihr ja äußerst gern meine Meinung gesagt, am liebsten auf Färöisch, aber Ravna ist ja bekanntermaßen lieb und nett und mimte das Mäuschen vor der Schlange. Entschuldigen Sie vielmals, ich wollte das nicht, ich bin nur gestolpert! 

Ich saß leider auf der linken Seite des Flugzeuges, wodurch mir der Blick auf mein nächstes Reiseziel leider versperrt blieb (Na, wo soll es hingehen?) und zu Essen wurde Sushi serviert, was für zitterhändige Tollpatsche einfach kein geeignetes Flugessen ist.
Nach einem diesmal kurzen Stopp in Kopenhagen ging es nach Bergen – und plötzlich saß ich auf Platz 1B! Ganz vorne! Da, wo man sein Gepäck nicht unter den Sitz des Vordermannes stellen kann! Zwischen einem sehr geschäftigen Geschäftsmann und einem nicht ganz so geschäftigen anderen Mann. Offensichtlich hatte mir mein sündhaft teures Atlantic Airways Ticket im von SAS bedienten Anschlussflug einen Premiumplatz beschert. Ich hätte mir, wie der geschäftige Geschäftsmann, ein Bier und eine Flasche Wein bringen lassen können. Oder, wie der nicht ganz so geschäftige Mann, eine Packung Chips und zwei Cola. Nur Ravna hat noch nie vorher in ihrem Leben ganz vorne im Flugzeug gesessen. Und wusste nicht, wo man da den Tisch ausklappt. Und da sie ein nervöser und schüchterner Tollpatsch ist, hat sie sich deswegen lieber ganz tief in ihrem neuen Wollpulli vergraben und hinter ihrem Buch versteckt und nichts bestellt.

søndag 17. august 2014

Føroyar

Wenn man einen Atlas auf der Seite über Nordeuropa aufschlägt und dann ein Dreieick zwischen Island, Schottland und Westnorwegen bildet, findet man fast genau in der Mitte ein kleines Fleckchen aus 18 Inseln. Kinder der Nullerjahre bevorzugen eventuell die Verwendung von Guugell Maps, aber da muss man dann ja nicht einmal mehr wissen, wie man ein Dreieck bildet. 

Diese kleine Fleckchen im Atlas bestehen hauptsächlich aus Steinen, Gras, Schafen und Meer und nennen sich die Färöer Inseln. Sie gehören irgendwie zu Dänemark, aber nicht zur EU, haben ihre eigene Flagge, Fußballmannschaft und Sprache, und wenn man bei einer der bekanntesten Online-Magazine Deutschlands nach ihnen sucht, erhält man hauptsächlich Artikel über Fischfangquoten und WM-Qualifikationsspiele, bei denen Handspiel ausdrücklich erlaubt ist - bei Sturm muss ein Mitspieler beim Elfmeterschießen den Ball festhalten, damit der nicht vorzeitig wegfliegt.
Die Temperatur liegt eigentlich das ganze Jahr über bei 10°C, und nachdem Ravna bereits vor zwei Jahren festgestellt hatte, dass Barcelona im August für Wahlskandinavier einfach unerträglich ist, erschienen ihr ein paar windige Felsen mitten im Nordatlantik als genau das richtige Sommerurlaubsziel. Und da sie dort auch noch eine nordische Sprache mit unregelmäßigen Verben, drei Geschlechtern und vier Fällen haben, inklusive eines dreiwöchigen Sommerkurses in Tórshavn, um sich das Ganze mal aus der Nähe angucken zu können, stand fest, wo Ravna das letzten Sommer verdiente Geld am besten sinnlos anlegen könnte - und nun sind zwei der drei Wochen auch schon wieder vorbei. 

Und bisher war es einfach nur wunderbar. Der Sprachkurs ist vielleicht nicht der beste der Welt - es ist alles sehr nordeuropäisch: "Ach, das ist vielleicht ein kleines bisschen kompliziert - naja, dann kommt es halt auch nicht in der Prüfung dran." und es gibt beinahe mehr Kaffepausen als unregelmäßige Verben, aber Färöisch ist eine äußerst faszinierende Sprache. Und ich wusste nicht, dass das mit den Fällen so kompliziert sein kann! Jetzt verstehe ich langsam, warum Deutsch von außen kompliziert aussieht. Und wir haben plötzlich wieder jeden Tag Unterricht, und Hausaufgaben! Und ich hab sie sogar schon wieder vergessen!
Unter den Teilnehmern ist vom 16-Jährigen mit färöischer Großmutter über die harfespielende amerikanische Glasbläserin und eine beeindruckende Zahl deutsche Skandinavistikstudenten bis zum 60-Jährigen pfeiferauchenden Rentner alles vertreten. Ich wohne mit zwei anderen bei einer netten älteren Dame, jeder hat ein Zimmer, wir können die Küche mitbenutzen und alles fühlt sich beinahe an wie die ersten Wochen des Austauschjahres - wo ist das Sieb, darf ich wirklich einfach an den Kühlschrank gehen, wann kann ich am besten duschen gehen ohne jemand anderen zu stören und ja doch, ich verstehe schon einiges, aber ich traue mich wirklich nicht, auf Färöisch zu antworten.

An den Wochenenden haben wir frei, gestern gab es auch eine von der Uni geplante Exkursion nach Vágar und ansonsten findet sich immer jemand, mit dem man irgendwohin fahren kann - mit der Fähre nach Suðuroy, mit dem Bus nach Vestmanna oder zu Fuß nach Kirkjubøur. Überall Steine, Gras, Schafe, Wolken und Meer, aber überall ist es einfach nur wunderschön.

29 einander völlig unbekannte Leute mit unterschiedlichster Herkunft für drei Wochen auf einer Inselgruppe mit nicht ganz 50.000 Einwohnern zusammenzustecken, ist natürlich auch an sich schon eine faszinierende Erfahrung. Viele sind weiblich, die meisten sind zwischen 20 und 30, einige sind aus Deutschland und ich bin die einzige Deutsche, die nicht Skandinavistik studiert. Die allermeisten sind äußerst lieb, und mit einigen wenigen habe ich auch nach zwei Wochen noch kein Wort gewechselt und andere würde ich gerne auch nach den drei Wochen ab und an einmal wiedersehen. Einige aber auch lieber nicht. Es ist tatsächlich wie in der Schule. Es gibt nicht nur wieder Hausaufgaben und spannende Stunden und sich-dahinziehende-schon-wieder-nur-fünf-Minuten-seit-dem-letzten-Mal-an-die-Uhr-gucken Stunden, sondern es scheint auch all die Leute zu geben, die offensichtlich in allen Schulklassen der Welt in irgendeiner Form vertreten sind. Einen, der anstatt einer Frage immer noch ungefragt die drei folgenden beantwortet. Drei oder vier, die immer und überall zu hören sind. Andere, deren Anwesenheit man nicht einmal bemerken würde, wären sie nicht körperlich anwesend. Eine Person, die immer alles weiß. Und zwar besser. 

Aber wie auch immer, das Land in dem die Pommes Kips heißen, die Busse in der Hauptstadt kostenlos sind und das die höchste Anzahl publizierte Bücher pro Nase aufweist, ist ein schönes Fleckchen und ich hoffe doch, dass ich auf der nächsten Bootsfahrt auch wieder eine SD-Karte in meine Kamera stecke.















onsdag 23. juli 2014

Nord-Norge

Es ist mein erster komplett freier Tag zu Hause seit 17 Tagen und ich verbringe den Vormittag damit, endlich einmal die Küche und das Bad zu putzen und in meinem Zimmer saugzustauben. Fühlt sich so Erwachsensein an?

Nicht, dass ich 17 Tage hintereinander gearbeitet hätte. Das Wochenende vor dem letzten war ich in Nordnorwegen, in Bardufoss und in Tromsø, zusammen mit meiner Gastfamilie. Meine Gastmutter hat in der Gegend gewohnt, als sie klein war, und nachdem sie jahrelang von dieser Reise gesprochen hat, haben wir sie nun also auch endlich durchgeführt.
In Tromsø war ich vor drei Jahren schon einmal im Januar, da war es allerdings fast die ganze Zeit dunkel, nun schien 24h lang die Sonne (die Berge und die Wolken mal nicht mitgerechnet). Ich war vorher noch nie mit meiner Gastfamilie auf Reisen, und es ist definitiv eine Herausforderung, mit acht Leuten im Supermarkt zu stehen und sich zu einigen, was es zum Abendbrot geben soll und wer für wie viele Orangensaftkartons bezahlt, aber es war ein wunderbares Wochenende. 



























søndag 15. juni 2014

Irland (IV)

Ein Reisebericht in vier Akten

Episode 4 - Sonntag, 8. Juni 2014
Der Sonntag beginnt deutlich später als die vorhergehenden Tage, aber schließlich sitzen wir auch an diesem Tag in der Hostelküche. Einen Gang weiter klopft ein verzweifelter Gast an die verschlossene Zimmertür und zum wunderbaren Geschrei von „Oooopen the fucking door! Ey! Open the door!“ gibt es auch an diesem Morgen Cornflakes, Milch und Tee.
Als ich mit Abwaschen fertig bin, und auf Kaline warte, spricht mich plötzlich ein älterer Mann an. Ravna hat das letzte Jahr in Norwegen verbracht und ist daher nicht mehr darauf eingestellt, dass völlig fremde Leute sie direkt ansprechen – daher zieht sie gekonnt anderthalb Augenbrauen hoch und stiert ihren Gesprächspartner mit einem Gesichtsausdruck aus „Häh?“, „Kannst du das nochmal langsamer sagen“ und „‘tschuldigung, aber die Wirkung des Koffeins hat noch nicht ganz eingesetzt“ an. Mein Gegenüber wiederholt seine Frage, allerdings scheint er meinen Gesichtsausdruck nur zur Hälfte richtig interpretiert zu haben – seine Frage kann sowohl „Are you on holiday?“ oder „Do you enjoy your holiday?“ sein. Um nicht völlig wie ein verschlafener, sozial inkompetenter Idiot dazustehen, bejahe ich seine Frage ganz einfach, bevor mich Kaline aus dem Gespräch erlöst.

Es ist 11:00 Uhr, aber Sonntag, weshalb wir mit dem heutigen Ausflug noch eine Stunde warten müssen. Diese verbringen wir mit einem Spaziergang durch Cork. Wir laufen mehrere Sakralbauten an, aber die sind des Wochentages wegen alle in Benutzung und wir wollen ja nicht stören. Ein paar Minuten vor zwölf stehen Ravna und Kaline dann ungeduldig vorm Buchladen und warten darauf, dass er öffnet. Beim Kauf von zwei Büchern bekommt man eins zum halben Preis, die Auswahl ist riesig und man soll ein Buch niemals nach seinem Umschlag beurteilen und so sind nach der Hälfte des Buchladens bereits zwei Stunden vergangen. Ravna reist zwar mit Handgepäck, aber ihre Bibliothek wird trotzdem um zwei weitere Bücher erweitert.
Nach dem Buchladenbesuch ist plötzlich zu wenig Zeit übrig und nachdem wir unser Gepäck im Hostel abgeholt haben, drehen wir auf halbem Weg zum Supermarkt wieder um, weil doch nur noch eine Viertelstunde übrig ist. Die Leute an der Busstation fragen sich sicher, wer das verrückte Mädchen ist, das aus dem Busfenster heraus Grimassen schneidet, während sich die Reisenden im Flughafenbus wundern, wieso ihnen jemand eine lange Nase zieht – tatsächlich sind es nur Ravna und Kaline, die sich voneinander verabschieden. 

Am Flughafen in Cork gibt es ein Wrap mit Hühnchen und bei der Sicherheitskontrolle muss ich plötzlich meine Kamera auspacken. Der Flug nach Amsterdam hat 20 min Verspätung und auch, wenn ich mit dem Prinzip des selbstbedienten Transferschalters nun vertraut bin, bin ich daher genauso nervös wie auf dem Hinflug. An der schipohler Sicherheitskontrolle  darf meine Kamera in ihrer Tasche bleiben, dafür muss ich nun die Schuhe ausziehen. Meine Frisur hat Kaline am Vortag noch als „löwenartig“ bezeichnet und tatsächlich ist mit-nassen-Haaren-zu-Bett-gehen, Regen, Wind und Haarband nicht unbedingt eine vorteilhafte Kombination, meine Socke hat zwei Löcher und mein Pulli einen Hühnchenwrapfleck, aber alle nennen mich „Madame“ und ich fühle mich gleich viel besser. Natürlich erreiche ich den Flug nach Bergen ohne Probleme. Meine Sitznummer ist 4C und nach Durchqueren der Businessclass stehe ich äußerst verwundert vor einen Sitz mit der Aufschrift „Economy Comfort“. Die beiden Damen mit den großen Taxfree-Tüten hinter mir müssen nun einige Momente warten, während ich verwundert von meiner Bordkarte zur Sitznummer und wieder zurück starre. Ich habe keinen Sitzplatz mit extra viel Beinfreiheit bestellt! Das kostet extra und bei anderthalb Stunden Flug und 162 cm ist das wirklich nicht nötig! Aber die Sitznummer auf meiner Bordkarte ändert sich nicht und so sitze ich in der erste Reihe und schaue durch einen Spalt im Vorhang dem Theater Business-Class beim Abendbrot zu, während mir ein faszinierendes Keksgebilde aus Pfefferkuchen und Karamell die Zähne verklebt.
In Bergen kommt der Flughafenbus rechzeitig, um halb zwölf liegt Ravna im Bett und am nächsten Tag ist Pfingstmontag – und im Küchenschrank gibt es Wasser und eine halbe Packung Haferflocken mit Rosinen. Aber das ist eine andere Geschichte.

tirsdag 10. juni 2014

Irland (I)

Ein Reisebericht in vier Akten

Episode I  -  Donnerstag, 5. Juni 2014

Manchmal wache ich auf, wenn mein Nachbar um 03:45 von einer Mittwochabendparty nach Hause kommt. Manchmal lege ich mein Buch beiseite, wenn mein Nachbar um 03:45 von einer Freitagabendparty nach Hause kommt. Manchmal gehe ich gerade zum fünfzehnten Mal aufs Klo, weil es schon wieder so hell ist, dass ich nicht schlafen kann, wenn meine Nachbarin um 03:45 schon ebendort ist.
Und einmal klingelte mein Wecker, als mein Nachbar um 03:45 von einer Mittwochabendparty nach Hause kam. An diesem Donnerstagmorgen galt es nämlich, den Flughafenbuss um 05:00 zu erwischen, denn um halb sieben ging der Flieger nach Amsterdam mit anschließender Weitereise nach Cork, Irland. Es galt, der wunderbaren Bücherwurmfreundin Kaline nach einem halben Jahr endlich einmal einen Gegenbesuch abzustatten und die befindet sich momentan als Au pair in Irland. Gebettelt hatte ich ja nun lange genug.

Eine Portion Haferbrei und einen großen Kaffee später saß ich leicht verzweifelt auf Platz 17A des Fluges KL 1184 von BGO nach AMS und versuchte zu ergründen, warum in aller Welt ich noch keinen Boarding Pass für den Flug KL 3171 von AMS nach ORK hatte – schließlich handelte es sich doch um die gleiche Fluggesellschaft! In 1h 15 min konnte doch keiner von mir verlangen, ganz aus- und dann wieder einzuchecken, und dass nur, um an den blöden Zettel mit der nächsten Sitznummer zu kommen! Ein einfacher Satz ala „It might be a stupid question, but …“ gerichtet an die knallblau gekleidete Flugbegleiterin mit dem beneidenswert orangen Halstuch hätte das Problem vermutlich lösen können, aber Ravna ist weltgewandt, bereist und schüchtern und meine Verzweiflung löste sich daher erst auf, als ich in Amsterdam vor dem wunderbaren Schild mit der Aufschrift „Self-service transfer“ stand und der hellblaue Automat mir ohne zu murren einen weitere Karte ausdruckte. Schipohl ist riesig, aber im Gegensatz zu Frankfurt weiß man hier, wie man Hinweischilder anbringt und ein paar Kilometer später stand ich in der nächsten Schlange und hielt meinen neuen Boardingpass sorgfältig über die Schrift auf der Vorderseite des kleinen dunkelroten Büchleins, dass seit Jahren  niemand außer des norwegischen Einwohnermeldeamtes hatte sehen wollen – eine richtige echte Passkontrolle! Aber wenn ich schon in der Schlange für die Sonderlinge „EU-Bürger“ stehe, muss ja nicht gleich jeder wissen, dass ich meine Nationalität mit dem laut lamentierenden Besitzer der quietschgelben Krawatte drei Personen vor mir teile.  

Der Flug nach Cork ist auch nicht ganz pünktlich, aber einmal angekommen finde ich sowohl den Fahrkartenautomaten als auch den richtigen Bus auf Anhieb, vergesse nicht einmal, meine Uhr umzustellen und stehe kaum eine halbe Stunde später in der Stadt am Busbahnhof. Irland sieht aus wie Norwegen, nur ohne Berge, es gibt mehr Kühe und alles ist tatsächlich ziemlich grün. Ich kann meinen Rucksack für den Tag in einem Tintenpatronenauffülladen unterbringen und danach gilt es erst einmal ganz klischeehaft, die vielen Autos zu bewundern, die mit leerem Fahrersitz auf der falschen Seite der Straße daherkommen. 

Ravna ist weltgewandt und bereist und daher ist es Jahre her, dass ich das letzte Mal in einem tatsächlich fremden Land war – im Supermarkt finde ich ein Sandwich und eine Flasche Wasser, aber das System hinter den Kassen bleibt mir verborgen – es sieht aus, als gäbe es ganz normale Supermarktkassen wie in Norwegen, allerdings ist keine davon in Betrieb. Gleich daneben schlängelt sich ein aus niedrigen Süßigkeitenregalen aufgebauter Gang zu einer Barriere, die entfernt an einen Fahrkartenschalter erinnert. Ein paar Tage später werde ich in Erfahrung bringen, dass es sich dabei um die Kasse für kleine Einkäufe handelt (wie ein Sandwich und eine Flasche Wasser zum Beispiel), aber vorerst bin ich froh, dem schnell vor sich hin nuschelnden Kassierer an der Kasse für Wochenendeinkäufe den richtigen Betrag überreicht zu haben (wie sehen nochmal die 5-Euro-Scheine aus?).

St. Fin Barre's Cathedral
Cork steht nicht zu Unrecht auf der Liste über die unterschätzen Städte Europas und nach einigem ziellosen Herumlaufen auf der ergebnislosen Suche nach einem Buchladen lande ich gemeinsam mit einer überraschend großen Anzahl amerikanischer Touristinnen in einer wunderschönen Kirche. Religionen sind mir nach wie vor ein Rätsel, aber irgendwie habe ich eine Schwäche für Sakralbauten. Eine Frau bitte mich um 2 Euro Eintritt für den Erhalt des Gebäudes und fragt, wo ich herkomme, um mir einen Flyer in der passenden Sprache überreichen zu können. Ich gucke sie einen Moment zu lange verwirrt an und setzte dann auf die Antwort „Uhm, äh, I’m from, uhm, Norway!“, was mir einen Zettel in englischer Sprache beschert. 


Später sitze ich vor der Kirche in der Sonne und esse ein Tomatensandwich mit Huhn, dem in der gesunden Variante jegliche Mayonnaise und daher viel Geschmack fehlt, als mich eine SMS von Kaline erreicht, ob ich nicht um 15:45 in Midleton sein könne. 
Die Busstation wiederzufinden bereitet meinem eher rudimentär vorhandenen Orientierungssinn überraschend wenig Probleme, auch wenn das Überqueren von Nichteinbahnstraßen eine Herausforderung ist. „Rechts, links, rechts“ ist einfach nicht die Kopfbewegung, die mir einprogrammiert wurde, seit ich im Alter von 2 Jahren einmal versuchte, bei Rot eine Neuköllner Straße zu überqueren, und Ampeln scheint es in Irland nur zu geben, damit die Autofahrer zumindest ein paar Touristen weniger im Jahr über den Haufen fahren – nach fünfminütigem Warten schalten sie für einige Sekunden auf Grün, was gerade so reicht, um die Fahrbahn zu überqueren, auf der die Autos aus der falschen Richtung kommen.
Der Busfahrer ist äußerst nett und verspricht, mir Bescheid zu geben, sobald wir in Midleton sind – denn Haltestellenanzeigen scheinen in Irland ebenso unbekannt zu sein, wie in Norwegen. Eine halbe Stunde später stehe ich tatsächlich in der richtigen Stadt und an der richtigen Haltestelle.
Hatte ich vor meiner Reise noch angekündigt, mehr Ahnung von Quantenphysik zu haben als von Kindern, zeigt sich auf dem Spielplatz nun, dass ich meine Physikkünste vielleicht doch ein wenig überschätzt habe, denn nichts ist spannender als Gummiarmbänder binden und Schaukeln anschubsen und sogar einen halben Kopfstand kann ich noch.
Tesco gibt es tatsächlich sogar in echt und eine Autofahrt auf einem irischen Beifahrersitz ist eine äußerst faszinierende Angelegenheit. Kalines Gastmutter macht prima Lasagne und zum ersten Mal seit fast fünf Jahren bekomme ich heiße Schokolade mit Marshmallows. Das Bett wurde extra für mich von Spiderman zu rosa-grün mit Blümchen umbezogen (Oh nein!) und nach einem Tag voller Sonnenschein wird es hier sogar rechtzeitig zum Schlafengehen dunkel.
Fortsetzung folgt …